124 Tage

124 Tage!

Für den einen eine belanglose Zahl. Ein kurzer Zeitraum. 

Doch für mich waren es oft unendlich lange Tage. Voller Zweifel, Ängsten und der Frage, was kommst noch?! 

Bis zum 9. April 2014 war eigentlich alles wie immer! Man ging arbeiten, man traf Freunde, besuchte gelegentlich die Familie. 

Dann kam die Nachricht, dass meine Mum ins Krankenhaus muss. Eine Durchblutungsstörung im Bein. Das hörte sich alles noch nicht so schlimm für mich an, da sie die Durchblutungsstörung schon etwas länger hatte und 2 Jahre zuvor einen Stent bekommen hatte. Ein Stent ist eine sog. Gefäßstütze, der das Gefäß weitet, damit es nicht wieder verstopft. Manchmal passiert dies trotzdem und genau das war bei meiner Mum passiert. Im Krankenhaus wurde sie untersucht, wo sich der Verdacht bestätigte. Am kommenden Montag sollte ein Routine-Eingriff erfolgen und der Stent wieder „frei gemacht“ werden. Ein kleiner Eingriff von einer knappen Stunde und alles sollte wieder gut sein. 

Montags erfolgte um die Mittagszeit die OP. Ich war arbeiten und wartete auf den Anruf meiner Schwester, dass alles gut gelaufen ist. Der kam dann auch kurz nach der Mittagspause. Kurze Zeit später klingelte erneut mein Telefon im Büro und ich wunderte, weil meine Schwester schon wieder dran war. Da bekam ich die Nachricht, dass irgendwas nicht gut gelaufen ist und Mum jetzt eine Not-OP bräuchte. Ich war total geschockt und konnte mich nicht mehr auf die Arbeit konzentrieren und machte – nach Rücksprache mit meinem Chef – Feierabend und fuhr ins Krankenhaus. Dort angekommen war sie gerade wieder zurück auf dem Zimmer nach der zweiten OP. Sie sah gar nicht gut aus und gesundheitlich ging es ihr sehr schlecht. Dann wurde es direkt wieder hektisch. Die Ärzte und Schwestern gaben sich die Klinke in die Hand und eh ich mich versah war sie schon wieder auf dem Weg in den OP. Not-OP Nr. 2 an diesem Tag. Ich war so geschockt, dass ich das gar nicht glauben konnte. Was bitte lief schief? Was war los? Antworten bekam man keine und wartete und wartete und wartete. Die Sorgen wurden immer größer und jedes Mal wenn die Türe aufging und ein Arzt oder eine Schwester vorbei kam zuckte man zusammen, weil man nicht wusste, ob es gute oder schlechte Nachrichten gab oder überhaupt Nachrichten. Die Not-OP dauerte letztendlich fast 5 Stunden. Danach ging es für sie erstmal auf die Intensivstation, weil 3 OP’s innerhalb von wenigen Stunden für ihren Kreislauf fast zuviel gewesen wären. 

Ich durfte dann mit meiner Schwester zu ihr. Sie war noch sehr von der OP mitgenommen und total unruhig. Wollte immer wieder aus dem Bett aufstehen und erzählte unzusammenhängendes Zeug. Ich schaffte es schließlich etwas zu beruhigen und irgendwann schlief sie dann ein. Sie bekam zig Infusionen. Hang an diversen Schläuchen und mehrere Drainagen kamen aus der Wunde. 

Irgendwann auf der Intensivstation merkte ich, dass mir der Kreislauf versagte. Da viel mir auf, dass ich seit Stunden weder gegessen noch getrunken hatte. Ich setzte mich dann schnell für ein paar Minuten auf den Boden, bis sich der Kreislauf wieder beruhigt hatte. Irgendwann sind wir dann nach Hause, weil man nichts machen konnte. Sie schlief und wir hatten ebenfalls Schlaf bitter nötig! 

Zu Hause lagen jedoch alle Telefone neben einem, damit man sofort reagieren konnte, falls wieder etwas sein sollte. Mein Handy war mein ständiger Begleiter. 

Die nächsten Tage wurden nicht ruhiger. Im Gegenteil. Ständig musste sie operiert werden. Wieder und wieder. Es zehrte an den Nerven. Es zehrte an den Kräften und man funktionierte einfach nur noch. 

Jedes Mal wenn das Telefon klingelte hatte man Angst, dass es wieder eine schlimme Nachricht aus dem Krankenhaus sein konnte. 

Es folgte eine OP nach der anderen und es gab immer wieder Not-OP’s. Die Durchblutungsstörung im Bein wurde schlimmer und schlimmer. Die bekam Heparin zur Blutverdünnung und keiner konnte sich erklären, warum der Stent immer wieder zu ging. Nach über 3 Wochen stellte man fest, dass sie das Heparin nicht verträgt und eine Allergie entwickelt hatte. 😦

Eigentlich habe ich zu der Zeit nur noch funktioniert. War Stunden im Krankenhaus und die Tage rauschten nur so an mir vorbei. 

Mum’s Zustand verbesserte sich nicht wirklich und irgendwann sagten die Ärzte, dass das Bein nicht mehr zu retten sei und eine Oberschenkelamputation erfolgen müsste. Würde sie sich gegen eine Amputation entscheiden, so würde sie sterben. Das Bein wird nicht mehr durchblutet und würde langsam absterben und letztendlich den Körper vergiften. 

Wir hatten es alle schon eine Weile geahnt, aber das ausgesprochen zu hören ist noch einmal etwas anderes. Ich möchte gar nicht wissen, wie es in Mum ausgesehen hat. Sie wollte nie eine Amputation. Hatte sich immer wieder dagegen geäußert. 

Ich habe mir ihre Ängste und Sorgen angehört, aber nie zu einer Entscheidung gedrängt. Klar wollte ich sie nicht verlieren, aber ich hätte jede Entscheidung akzeptiert bzw. akzeptieren müssen. Ich glaube kein Mensch, der noch nicht so etwas durchgemacht hat, kann sich nur ansatzweise in diese Lage versetzen. Ich habe immer noch meinen höchsten Respekt vor ihrer Entscheidung. 

Als die Entscheidung zur Amputation gefallen war, dauerte es noch ein paar Tage bis zur OP. Ich empfand diese Zeit als sehr unwirklich. In die Lage meiner Mum mochte ich mich gar nicht versetzen. Wie bitte muss sich ein Mensch fühlen der weiß, dass sein Bein ein paar Tage später amputiert wird. 

Mum ging es in dieser Zeit oft nicht gut. Sie vertrug das Essen schlecht, mochte oft gar nicht essen. Musste sich erbrechen und brauchte Hilfe bei den täglichen Dingen. Konnte nicht auf die Toilette gehen etc. Ich half, weil ich wusste, dass sie für mich das gleiche tun würde. Einfach war es nicht wirklich, aber man wuchs einfach über sich hinaus in diesen Momenten. 

Dann kam der Tag der Amputation und alle mussten lernen mit dieser Situation umzugehen. Besonders meine Mum! 

Es kam natürlich wie es kommen musste. Es gab auch nach der Amputation weiter Komplikationen und so ging es für sie wieder und wieder in den OP. Nach OP Nr. 14 habe ich aufgehört zu zählen. So hart es sich anhörte, aber es schlich sich fast eine gewisse Routine ein. 

Anfangs war ich jeden Abend nach der Arbeit im Krankenhaus. Später wechselte ich mich dann mit meiner Schwester ab und war nur noch jeden zweiten Abend da. Wenn das Wetter mitspielte, ging es mit Mum immer in den Krankenhausgarten und wir haben wundervolle Gespräche geführt. So viel habe ich mit ihr in den letzten Jahren nicht geredet, wie in all der Zeit im Krankenhaus. 

Irgendwann entwickelte es sich dann endlich mal in die richtige Richtung und nach über 3 Monaten im Krankenhaus ging es dann in die Reha. Diese war wenigstens nur „um die Ecke“, so dass man sie am Wochenende besuchen konnte. Ich freute mich über die kleinen Fortschritte. Sie konnte inzwischen recht gut mit dem Rollstuhl umgehen und auch mit der Prothese machte sie Fortschritte. 

Nach 5 Wochen Reha ging es für sie diese Woche nach Hause. Sie schlägt sich dort recht tapfer, aber es ist noch ein langer Weg bis sie sich dort so richtig in den Alltag integriert hat. 

Für mich ist es nach 124 Tagen „Ausnahmezustand“ noch ungewohnt, dass sie jetzt wieder zu Hause ist. Ich freue mich unendlich, dass es so ist, aber irgendwie muss ich das alles jetzt erstmal richtig verarbeiten, was in den letzten Monaten passiert ist. 

Ich wünsche mir für meine Mum, dass es jetzt endlich weiter in die richtige Richtung geht und sie die Kraft findet das Beste daraus zu machen! 

Mum, ich hab Dich lieb! ❤

Und ich möchte einmal DANKE sagen! Danke an all diejenigen, die mir in der schweren Zeit beigestanden haben. Die zu jeder Tages- und Nachtzeit für mich da waren und sich meine Sorgen, Ängste und Nöte angehört haben. Zum Teil wieder und wieder und einfach nicht müde wurden mich aufzuheitern, zu unterstützen und mich manchmal auch einfach „entführt“ haben, damit ich mal keine Krankenhauswände sehen muss. DANKE! 

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Über gedankenpiratin

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8 Antworten zu 124 Tage

  1. wolkenbeobachterin schreibt:

    Puh. Das klingt nach einer langen, belastenden Zeit. Ich wünsche Deiner Mum das Beste und auch Dir. Schön, dass Ihr so zusammen gehalten habt, einander zugehört und unterstützt habt. Alles Gute.

  2. blumenelfe schreibt:

    Das klingt nach einer sehr harten Zeit & ich wünsche Dir & Deiner Familie (inkl. Deiner mum) alle nötige Kraft, um Euch zu erholen!

    Wie hat sie die vielen OP’s denn verkraftet?
    Wir haben Dezember/Januar meine Oma auf ihrem letzten Weg begleitet & auch wenn sie nicht operiert wurde, war es ein Leben mit der Angst vor jedem Anruf und jeder Nachtwache.

    • gedankenpiratin schreibt:

      Danke! 🙂

      Das mit Deiner Oma tut mir leid. So was ist immer traurig! 😦

      Sie hat die OP’s relativ gut überstanden. Zwischendurch natürlich immer wieder den Mut und die Hoffnung verloren. Das Essen verweigert und ist auf 43kg abgemagert. Wir haben dann alles in unser Macht stehende getan, um sie wieder zum Leben zu motivieren.

      Wir stehen erst am Anfang und der Weg ist lang, aber ich hoffe, dass sie den Alltag lernt zu bewältigen!

  3. ToBe schreibt:

    DU bist eine tolle Tochter und das weisst Du auch! ❤

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